Ausgaben 2016

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TextArt 03/2016

Leseprobe:

Kerngeschichten

Chancen und Gefahren

Von: Arwed Vogel

Autoren bemühen sich immer wieder neue Geschichten zu erzählen, denn das ist ihre Aufgabe. Bei aller Vielfalt und Verschiedenheit der Texte aber greift ein jeder Autor beim Schreiben stets auf dieselben Erfahrungsmuster zurück, die notwendiger Teil seiner persönlichen Entwicklung sind und unweigerlich auch Eingang in jeden Text finden: So schreibt er auch immer seine „Kerngeschichte“. Was es mit diesem Phänomen im Detail auf sich hat und wie Sie damit umgehen können, zeigt Ihnen Arwed Vogel in einem Praxisbeitrag.

Nur eine Geschichte?

Da gibt es diese eine Geschichte. Wir fühlen uns von ihr gedrängt, sie will erzählt werden und irgendwann geben wir nach. Aber wir fragen uns, warum wir gerade diese Geschichte erzählen und keine andere? Es gibt so viele Geschichten, die wir auch schreiben könnten. Ideen, Entwürfe. Skizzen. So viele Möglichkeiten wären da. Dennoch. Diese eine Geschichte. An ihr hängen wir. Und in dieser Geschichte spüren wir beim Schreiben auf einmal, dass sie auf eine kaum beschreibbare Weise unser Leben und Denken darstellt, mehr noch – es im Kern erfasst hat, ohne dass wir sagen können warum.
Wir haben unsere Geschichte gefunden und es scheint, dass sie tiefer wirkt als alle Geschichten, die wir erlebt oder erfunden haben. Wir werden dieser Geschichte immer wieder in anderen Geschichten begegnen, die wir schreiben. Es scheint eine Geschichte zu sein, die wir immer wieder erzählen müssen, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen.
Wir sind auf der Spur unserer Kerngeschichte. Sie schreibt sich überall ein. In ihr wird nicht erzählt, was wir erlebt haben, woran wir uns erinnern oder was wir erfinden können. In ihr wird erzählt, wer wir sind.
Sie zeigt, dass die Bedeutung unseres Lebens sich in Texten auskristallisiert. Sie zeigt, dass unser Leben und unsere Texte auf eine tiefere Weise verknüpft sind, als wir es wissen. Wir merken auf einmal: Wir schreiben nicht nur. Wir sind die Geschichten, die wir schreiben.

Rätselhafte Momente

Manchmal versuchen wir eine Geschichte zu erzählen, haben diese mit ihren Figuren, ihrer Handlung gut durchdacht. Wir haben einen Plot, der gut funktionieren wird, und dennoch: Wir haben noch nicht die erste Seite vollendet, da beginnt sie sich zu verändern. Die Figuren verweigern ihre Mitarbeit, das Geschehen erscheint löchrig und nicht mehr spannend und – die Handlung bewegt sich in eine unbeabsichtigte Richtung. Noch schlimmer: Wir werden den Verdacht nicht los, die Geschichte, die sich da in unserem Text neu entwickelt, schon zu kennen, sie einmal, vielleicht mehrere Male geschrieben zu haben.
Was ich auch schreiben will, immer kommt eine Liebesgeschichte heraus, sagt eine jugendliche Kursteilnehmerin zu mir. Die Glückliche, denke ich, denn gern würde ich auch schöne Liebesgeschichten schreiben, aber meine männlichen Figuren scheitern meistens. Sie zaudern, nichts geht ihnen leicht von der Hand – alles verkorkste Gestalten, deren Gedanken so verknotet sind, dass ich sie selber kaum begreife. Kein genialischer Denker, Held, Supermann. Warum?
Man hört in einer Schreibwerkstatt bei einer Geschichte, die man selber für gelungen hält, dass sie furchtbar konstruiert sei – nur im zweiten Teil, da sei eine Passage, die aufhorchen ließe, besonders interessant sei, darüber hätte man gerne mehr gehört. Man fragt sich, was der Kritiker da wahrgenommen hat, denn das Motiv erscheint einem nebensächlich, aber nach einigen Wochen erkennt man tatsächlich: Da ließe sich etwas daraus machen, aber seltsamerweise hat man es selber nicht bemerkt.
All diese Fälle haben eines gemeinsam. Was wir als irritierend empfinden, hat mit einer Angelegenheit zu tun, die mit dem Schreibprozess eng verwoben ist und notwendig zu ihm gehört: Es ist die Kerngeschichte, die plötzlich auftaucht und eine Chance für den Text wie auch eine Gefahr für den ursprünglichen Schreibplan darstellt. (…)

Den vollständigen Artikel lesen Sie in Ausgabe 3-2016.

 

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