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TextArt 02/2016

Leseprobe:

Notizen, Tagebücher, Zettelwirtschaft

Was tun mit „Gesammelten Werken"?

Von: Karin Schwind

Ideen, Wahrnehmungen, Eindrücke, Gedankensplitter, Selbstbetrachtungen und Inspirationen aller Art sind die Nährmittel der Schreibenden. Sie finden ihren Platz in Dateien, Notizbüchern, auf Blöcken, Karteikarten, Zetteln und überall dort, wo sich schwarz auf weiß etwas niederlegen und vor dem Vergessen bewahren lässt. Oft handelt es sich um das Skizzenhaft-Vorläufige, noch Ungefähre, ja „Unausgegorene“, gleichwohl Wertvolle und gewiss auch Bedeutungsvolle, das nur auf den ersten Blick recht chaotisch anmutet. Karin Schwind hat sich der Problematik der diffusen Materialsammlung angenähert und gibt Anregungen, wie Sie die vielen kleinteiligen Textfragmente als Bausteine verwenden und mosaikartig einer Form und Funktion im großen Ganzen zuführen können.

Sammlungen

Frau F. schreibt 40 Jahre lang Aphorismen und Gedanken – auf Zetteln notiert, in Kisten gesammelt – natürlich ohne System. Eine Lehrerin verfasst 19 Jahre im islamischen Ausland Tagebuchnotizen – Lebenserinnerungen aus einer anderen Welt. Tatjana (Namen geändert) führt über zehn Jahre ein Internet-Tagebuch, gesichert als PDF, weit über 3000 Einträge. Und dann sind da noch die Reisenotizen von Mike, vor Jahren auf 2700m abends im Zweimann-Zelt mit kalten Fingern hingekritzelt, sowie die säuberlich auf einer alten Schreibmaschine getippten Seiten, die sich auf dem Dachboden einer 80-jährigen Dame finden.

Sind derartige Aufzeichnungen und Notizen nach Jahren überhaupt noch brauchbar und wenn ja, was können schreibende Menschen mit ihnen anfangen? Noch einmal lesen? Wegwerfen? Sich die Arbeit machen und sie aufbereiten, in eine Form bringen und wenn ja, in welche?

Ich erzähle einer Bekannten von diesen Menschen mit ihren vielen unsortierten Notizen. Ihre Reaktion ist gerade heraus: „Wenn man nicht weiß, was man schreiben will, dann soll man es doch einfach lassen!“ Im ersten Moment bin ich erstaunt über ihre Heftigkeit, im zweiten Moment widerspreche ich ihr deutlich, denn der Sprachwissenschaftler und -didaktiker Jakob Ossner (1995) macht deutlich, dass Schreiben mehrere Seiten hat: Auf der einen Seite hat Schreiben eine psychische und eine kognitive Funktion, bei der wir für uns selber schreiben. Wir wollen uns entweder etwas von der Seele schreiben oder aber unser Gedächtnis entlasten. Vielleicht schreiben wir auch, weil wir uns über Fragen klarwerden wollen und Antworten suchen, schreiben also um der Erkenntnis willen. Auf der anderen Seite hat Schreiben eine soziale Funktion, bei der wir für oder an andere schreiben.

Diese unterschiedlichen Funktionen sind der Grund, warum es Schreibprojekte gibt, die von Anfang an projekt- und leserorientiert geschrieben werden – mit Plan und Ziel: zum Beispiel der Roman, der veröffentlicht werden soll, das Sachbuch im Auftrag eines Verlags, die Dissertation (soziale Funktion). Diese Autorinnen und Autoren wissen häufig schon im Vorfeld, was sie wollen, und bringen ihre Aufzeichnungen zumeist gleich in ein System (Karteikasten, Arbeitsjournal mit Register, Dateistruktur auf dem Rechner). Geniales Beispiel für derartiges Arbeiten ist Jules Verne; er legte 25000 Karteikarten, nach Themen geordnet, an und konnte beim Schreiben seiner Romane auf sie zurückgreifen. (Nestmeyer, Ralf: Französische Dichter und ihre Häuser. Frankfurt: Insel 2005)

Doch daneben gibt es jene unsortierten Aufzeichnungen, die ungezielt verfasst wurden und bei denen es erst einmal nur ums Schreiben (für sich selbst) ging. Sie wurden prozessorientiert geschrieben, mit dem Ziel, etwas festzuhalten, abzulegen, sich zu erkennen, Dinge zu klären oder sich ein Thema zu erschreiben (psychische und/oder kognitive Funktion).

Auch professionell schreibende Menschen haben diese unsortierten, ungezielt geschriebenen Notizen und Aufzeichnungen: Giacomo Casanova zum Beispiel schrieb zwischen 1790 und 1798 seine berühmte Geschichte meines Lebens. „Er konnte sich bei der Niederschrift auf Tagebücher stützen, was ihm ermöglichte, viele Details von Situationen, die schon Jahrzehnte zurücklagen, mithilfe eigener Aufzeichnungen zu vergegenwärtigen. Daher beeindrucken die Geschichten und die zahllosen Gespräche auch heute noch durch ihre Frische und ihren authentischen Charakter.“ (Rieger, Michael: Mann reist ja nicht, um anzukommen … Darmstadt: Lambert Schneider 2011, S. 14)

Den vollständigen Artikel lesen Sie in Ausgabe 2-2016 von TextArt.

 

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