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TextArt 03/2015

Leseprobe:

Einfach, klar, verständlich

10 Gebote zum journalistischen Stil

Von Till Kammerer

Jede neue Volontärsgeneration verinnerlicht in ihren Redaktionsbüros Handwerksregeln dazu, wie man als Journalist verständlich schreibt. Verständlichkeit ist eine journalistische „Leitwährung“: Der Lesende soll sich eingängiger Artikel erfreuen, statt über ellenlangen Sätzen, gestelztem Behördendeutsch oder Fremdwörtern an Sinn und Information eines Artikels oder Rundfunkbeitrags zu verzweifeln. Wer versteht, was er liest, hat deshalb aber nicht zwingend Freude daran. Journalistische Texte sollen auch sprachlich kreativ sein, ohne Literatur zu werden: Gute Journalisten fesseln ihre Leser mit stilistischen Finessen oder witzigen Wortspielen. Dabei werden sie nicht verspielt und vergessen ihren Inhalt. Sie informieren und unterhalten zugleich. Wie sieht sie aus, die redaktionelle Sprache, die diesen vermeintlichen Spagat als zentrale journalistische Herausforderung begreift, die diesen Beruf so spannend macht? Unser Autor Till Kammerer hat wichtige Regeln dafür zusammengestellt.

(1) Vergessen Sie Kleist!

Der römische Staatsmann Julius Cäsar und der deutsche Dichter Heinrich von Kleist hatten eines gemeinsam: Sie schrieben für ihr Leben gern Sätze, die dem Gegenwert einer heute handelsüblichen DIN-A5-Buchseite entsprachen. Solche, bei denen man am Ende vor lauter Nebensätzen den Hauptsatz längst vergessen hatte. Darum: Vergessen SIE bitte Kleist! Die wichtigste sprachliche „Währung“ des Journalismus lautet schließlich: Verständlichkeit.
Prüfen Sie doch einmal spaßeshalber, wie gut Sie den folgenden Satz verstehen. Er stammt aus dem „Käthchen von Heilbronn“ (www.kleist.org/
texte/DasKaethchenvonHeilbronnL.pdf, frühere Rechtschreibung aus dem Original):

„Wir, Richter des hohen, heimlichen Gerichts, die wir, die irdischen Schergen Gottes, Vorläufer der geflügelten Heere, die er in seinen Wolken mustert, den Frevel aufsuchen, da, wo er, in der Höhle der Brust, gleich einem Molche verkrochen, vom Arm weltlicher Gerechtigkeit nicht aufgefunden werden kann: wir rufen dich, Theobald Friedeborn, ehrsamer und vielbekannter Waffenschmied aus Heilbronn auf, deine Klage anzubringen gegen Friedrich, Graf Wetter vom Strahle; denn dort, auf den ersten Ruf der heiligen Vehme, von des Vehmherolds Hand dreimal, mit dem Griff des Gerichtsschwerts, an die Tore seiner Burg, deinem Gesuch gemäß, ist er erschienen, und fragt, was du willst?“  

Wer ist erschienen? Und was will der? Hand aufs Herz und abgesehen von heute altertümlich wirkenden Besonderheiten der Sprache aus Kleists Zeit: Wussten Sie am Ende Ihrer Lektüre noch, wer sich „wie ein Molch verkrochen“ hat?
Fazit: Im Sinne der Verständlichkeit auf Schachtelsätze verzichten. Aber Achtung: Eine Ballung ausschließlich kurzer Sätze ist ebenfalls keine Empfehlung! Sie führt zu einem, für Boulevard-Medien typischen, Hack- bzw. Stakkato-Stil. Dieser ermüdet den Lesenden und erschwert das Verständnis somit ebenfalls (vgl. Schneider, Wolf: Deutsch für Profis, 91).
Das Gute liegt, wie so oft, in der Mitte. Mein Tipp: Wechseln Sie zwischen mäßig langen und mäßig kurzen Sätzen. Doch was ist überhaupt ein „langer Satz“? Bildet man den ungefähren Mittelwert diverser professioneller Quellen, so landet man bei 15 Wörtern.

(2) Passiv bedeutet „Leideform“!

Das Passiv macht, grammatisch gesehen, betroffen. Es beschreibt eine Handlung, die mit einer Person oder Sache etwas anstellt. Darum heißt das Passiv auch „Leideform“: Jemand oder ein Ding erleidet etwas. Das gilt auch für Texte, über die das Passiv ausgeschüttet wird. Denn wie es so ist, wenn andere etwas mit einem machen: Man wird zum Statisten. Aktiv sind die Anderen. Und dynamisch ebenfalls, weshalb aktivische Texte lebendiger wirken als passivische.
Lassen Sie sich einmal die beiden folgenden Sätze im Sprachzentrum zergehen. Welcher klingt vitaler, persönlicher; weniger statisch, amtlich und bleiern?

a) „Die ausgearbeitete Skizze wird Ihnen in den folgenden Tagen zugesandt. Ihre Anregungen für das betriebliche Vorschlagswesen müssen auf der ersten Seite im unteren Drittel eingefügt werden.“

…  versus …

b) „Die ausgearbeitete Skizze senden wir Ihnen in den nächsten Tagen zu. Sie können Ihre Anregungen für das betriebliche Vorschlagswesen auf der ersten Seite im unteren Drittel einfügen.“

Fazit: Aktivische Texte wirken lebendiger als passivische. Aktiv statt Passiv verwenden!

Den vollständigen Artikel lessen Sie in der Ausgabe 3-2015 von TextArt.

 

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