Ausgaben 2015

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TextArt 02/2015

Leseprobe:

Mythologie - die nie versiegende Quelle

Wie man alte Helden- und Göttererzählungen für das eigene Schreiben nutzen kann

Von Stefan Schwidder

In der Schule waren die Geschichten von Odysseus, Prometheus oder Medea für viele vielleicht eher notwendiges Übel – für uns als Autorinnen und Autoren stellen sie einen unermesslich reichen Fundus an literarischen Figuren, Motiven, Plots und Geschichtenstrukturen dar, den es wiederzuentdecken gilt. Mehr noch – Mythen sind nicht einfach nur irgendwelche Geschichten, vielmehr repräsentieren sie ein Urwissen um die Zusammenhänge und Wirkungen des Lebens, um die Verbindung zwischen dem Äußeren und der seelisch-psychischen Innenwelt. Die Kenntnis und das Verständnis von Mythen bereichert unser kreatives Potenzial, lässt uns packende Geschichten erzählen und gibt uns Hinweise auf uns selbst und unseren Standort im Leben.

In unserem Kulturkreis sind wir vor allem von zwei bedeutenden Mythenkreisen geprägt: dem der nordischen Völker und der Kultur des klassischen Griechenlands. Sie sind aufgrund unserer Jahrhunderte alten Verwurzelung in ihnen noch heute von besonderer Bedeutung für uns. Die griechische Mythologie ist es dabei vor allem, die unser Verständnis von Geschichten beeinflusst hat – in ihr liegen bereits alle menschlichen Dramen und Höhenflüge wie auf einem Präsentierteller ausgebreitet vor uns. Wir müssen nur wieder lernen, zuzugreifen und uns großzügig aus diesem niemals versiegenden Quell schriftstellerischer Inspiration zu bedienen.

Unsere heutigen Geschichten sind wie die alten Mythen oft Beschreibungen dessen, was uns bewegt und berührt, was uns herausfordert oder wachsen lässt. In unserem Schreiben verlassen auch wir manchmal die Grenzen unseres Verstandes, und indem wir so über unser rationales Verstehen hinausgehen, können wir die Welt, in der wir leben, verstehen, begreifen und als kreative Quelle einsetzen. Moderne Mythen drehen sich wie ihre antiken Vorbilder um grundlegende menschliche Befindlichkeiten: Um Liebe und Leidenschaft, Verrat und Betrug, um nagende Eifersucht, unverbrüchliche Freundschaft oder heldenhaften Mut, um die Angst vor dem Tod, den tiefen Wunsch nach Frieden und die Hoffnung auf den Sieg des Guten über das Böse – all jene Stoffe also, die die Grundausstattung jedes modernen Hollywood-Blockbusters oder Bestseller-Romans sind.

Wir identifizieren uns mit den Protagonisten auf der emotionalen Ebene, sie stehen wie eine Art Ideal- oder Wunschbild stellvertretend für uns selbst mit all unseren Ängsten und Hoffnungen, Wünschen, Träumen und Kämpfen – und geben uns durch ihr Beispiel gleichzeitig Kraft, uns unserer eigenen Lebensreise immer wieder aufs Neue zu stellen und im Drama oder der Tragikomödie des Lebens zu bestehen. So erzählen wir auch in unserer schnelllebigen, oft oberflächlichen Zeit immer noch die gleichen alten Heldengeschichten wie zu Aischylos’, Sophokles’ und Homers Zeiten, nur fliegen unsere Protagonisten eben heute in Raumschiffen durch den Weltraum oder knacken geheime Computercodes, anstatt auf Segelschiffen das goldene Vlies zu suchen. Ob Odysseus’ Irrfahrten und Orpheus’ Abstieg in den Hades – oder Bruce Willis’ Kämpfe gegen das Böse und Harry Potters Abenteuer: Auch heute ist der Sieg des Lichts erst möglich, wenn die Untiefen der Schattenwelt durchwandert worden sind – die übrigens auch unser eigenes Unterbewusstes sein kann.
Immer noch berichten Geschichten über Mut und Ausdauer, unüberwindbar erscheinende Hindernisse, lockende Belohnungen, Freunde und Verbündete sowie Strategien und Lösungswege. Selbst beim Schreiben bewegen wir uns in einem ähnlichen Kreislauf wie alte Heldinnen und Helden: Wir verlassen unsere gewohnte Umgebung, tauchen in die Welt unserer Fantasie ein und kehren schließlich, verwandelt und mit einer Geschichte bereichert, in den Alltag zurück.

Eine lohnenswerte Schreibübung dazu wäre es, sich in einem ersten Schritt einmal zu überlegen, wie unsere eigene „Nachtfahrt der Seele“ aussieht – wo hat in unserem Leben ein „Abstieg in die Unterwelt“ stattgefunden, mit welchem Drachen oder Schatten Ungeheuer haben wir schon einmal gekämpft, wie sah unsere symbolische „Wiedergeburt“ aus – und wie hat uns diese Erfahrung verändert, uns zu „Helden“ oder „Heldinnen“ werden lassen?

Den vollständigen Artikel lesen Sie in Ausgabe 2-2015 von TextArt.

 

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