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TextArt 01/2014

Leseprobe:

Text-Tuning

Wie das richtige Tempo einen Roman zum Pageturner macht

Von: Anette Huesmann

Alles, was geschieht, hat eine Geschwindigkeit. So auch die Schilderung und das Geschehen in einem Roman. Hier ist das Tempo der Geschichte ein wichtiges Element, um den Spannungsbogen zu steuern: Wie schnell entwickeln sich die Ereignisse und welche Erwartungshaltung bauen sie auf? Ein gut aufeinander abgestimmter Rhythmus von langsamen und schnellen Passagen gibt einem Roman die richtige Dynamik. Worauf es bei der Gestaltung des Tempos im Einzelnen ankommt, erfahren Sie in diesem Praxisartikel. Was haben Goethe und ein Werbefilmer gemeinsam? Sie brauchen nur wenig Zeit, um eine Geschichte zu erzählen. Ein Werbefilm muss es in kürzester Zeit schaffen, uns ein Produkt zu verkaufen. Die Hirnforschung hat nachgewiesen, dass wir uns etwas besser merken können, wenn wir Gefühle damit verbinden. Deshalb versuchen Werber unsere Emotionen anzusprechen – damit wir uns an das Produkt erinnern. Also entwickelt sich in so manchem Werbespot eine komplette Geschichte, mit Anfang, Höhepunkt und Schluss. Und das in weniger als einer Minute. Doch ein hohes Tempo ist keine Erfindung der Neuzeit. Auch die alten Klassiker hatten es schon drauf. Sieht man sich die Balladen von Goethe und Schiller an, brauchen sie ebenfalls nur wenig Zeit, um eine vollständige Geschichte zu erzählen. So schildert Goethe in seiner Ballade „Erlkönig“ einen dramatischen Ritt von Vater und Sohn, den der Junge nicht überlebt. Und auch das nimmt nur wenig mehr als eine Minute in Anspruch. Wobei das Tempo einer Geschichte unabhängig ist von der Länge des Gesamtprodukts: Ob Werbespot oder Hollywoodfilm, Ballade oder Roman – sie alle haben eine eigene Geschwindigkeit.

Tempo ist nicht gleich Erzähltempo

Das hier beschriebene Tempo ist nicht identisch mit dem sogenannten Erzähltempo, manchmal auch Erzählgeschwindigkeit genannt. Das Erzähltempo ist ein Begriff der Literaturwissenschaft, der das Verhältnis von erzählter Zeit zu Erzählzeit beschreibt. Dauert es eine Minute, einen Text zu lesen, der den Ablauf einer Minute schildert, so sind Erzählzeit (ich lese eine Minute) und die erzählte Zeit (ich lese ein Ereignis, das eine Minute dauert) identisch – also zeitdeckend. Lese ich in einer Minute ein Ereignis, das ein Jahr in Anspruch nimmt, so ist das Erzähltempo zeitraffend: Die Erzählzeit ist deutlich kürzer als die erzählte Zeit. Ist es anders herum – ich lese eine Minute über ein Ereignis, das eine Sekunde in Anspruch nimmt – so ist das Erzähltempo zeitdehnend. Doch es gibt neben dieser literaturwissenschaftlichen Definition von Erzähltempo noch eine andere Auffassung vom Tempo einer Geschichte. So kommentiert Albert Zuckerman in seinem Buch „Bestseller“: „Tempo ist jenes Element eines Erfolgsromans, das im Normalfall mehr als jedes andere dafür sorgt, daß der Leser Seite um Seite verschlingt“ (Seite 239). Zuckerman meint damit eine Erzählweise, die unablässig vorwärtsdrängt, bei den Lesern immer neue dramatische Fragen entstehen lässt und die Handlung vorantreibt. Er schreibt weiter: „Nun werden Sie vielleicht fragen, was unter dem Begriff ,Vorantreiben einer Handlung‘ konkret zu verstehen ist. Die Antwort lautet: Wandlung“ (ebenfalls Seite 239). Zuckerman geht davon aus, dass ein erfolgreiches Buch voller Wandlungen sein muss, also voller kleiner Ereignisse, Taktschläge oder Akzente, die etwas in der Geschichte verändern: die Richtung eines Fahrzeugs, das Schicksal einer Person oder einer Nation. Um ein hohes Tempo zu erreichen, muss laut Zuckerman auf jeder einzelnen Seite oder im Lauf einer Szene mindestens ein Wandel geschehen. Er plädiert außerdem für einen Wechsel des Tempos: Nach einer schnellen und kräftezehrenden Passage sollte eine ruhigere Episode folgen, sodass die Leser sich etwas erholen können und die anschließende schnellere Passage mehr zu schätzen wissen (S. 237).

Dan Brown und Stieg Larsson: Gegensätze

Manche Medienwissenschaftler gehen davon aus, dass Filme unsere Erwartung an das Tempo von Büchern verändert haben. Doch die Ballade „Erlkönig“ zeigt, dass ein schnelles Tempo nicht erst im Zusammenhang mit Filmproduktionen entstanden ist. Natürlich erzählt ein klassischer Hollywoodfilm schneller als ein Buch, die Szenen sind kürzer und Ereignisse folgen in schneller Reihenfolge aufeinander. Es gibt heute sehr erfolgreiche Bücher, die ein ähnlich rasantes Tempo vorlegen. Doch aktuelle Beispiele zeigen, dass auch Bücher, die sich viel Zeit beim Erzählen lassen, bis heute ihr Publikum finden.
In dem Roman „Verblendung“, dem ersten Band der erfolgreichen Trilogie von Stieg Larsson, kommt die Geschichte erst ganz allmählich in Gang. Larsson nimmt sich Zeit für ausführliche Schilderungen von Ortschaften, Räumen und Befindlichkeiten der Personen. Die Ereignisse entwickeln sich geruhsam. Es dauert ganze 385 Seiten, bis sich die beiden Hauptfiguren zum ersten Mal gegenüberstehen. Bei Larsson ist zu beobachten, dass Spannung und Tempo Hand in Hand gehen, ohne identisch zu sein. Das Tempo ist ruhig und nahezu gemütlich. Trotzdem bleibt der Roman über weite Passagen spannend. Denn die Spannung ergibt sich aus der inneren Logik der Geschichte, klassischen Rätselanreizen sowie den beiden Hauptpersonen und deren Verhältnis zueinander.

Den vollständigen Artikel lesen Sie in Ausgabe 1-2014 von TextArt.

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