Ausgaben 2014

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TextArt 02/2014

Leseprobe:

Zeig mir die Geschichte!

Wie vor dem inneren Auge des Lesers ein „Film“ entsteht

Von Bettina Hampl

Spannend, ergreifend, lebendig, anschaulich, authentisch … dies sind die Vorzüge einer gelungenen Geschichte – verbunden mit einer entsprechenden Forderung an den Autor. Wie Sie dieser beim Schreiben gerecht werden und die Aufmerksamkeit des Lesers von der ersten bis zur letzten Zeile bannen, zeigt Ihnen unsere Autorin Bettina Hampl im folgenden Praxisartikel.

Zwei Schreibhaltungen: Zeigen und Erzählen

Jeder Autor wünscht sich, so schreiben zu können, dass der Leser ihn morgens um vier verflucht, weil sein Buch ihn bis dahin wach gehalten hat. Eines der gängigsten Mittel, um diese Spannung zu erreichen, ist das sogenannte Zeigen – oder auf Englisch „show“. Mit dem Zeigen erreichen wir auf direktem Weg die Gefühle des Lesers. Wir wiegen ihn in den fiktionalen Traum ein und schalten seinen Verstand aus, der ihm den Blick auf die Uhr ermöglicht hätte.
Das Zeigen ist eng verknüpft mit den heutigen Gewohnheiten, wie eine Geschichte aufgenommen wird. Wir alle sind mit Fernsehen und Kino aufgewachsen: Geschichten, die uns in Bildern erzählt werden, sind uns geläufig. Zeigen ermöglicht dieses Sehen einer Geschichte – sie läuft wie eine Flut von Bildern vor dem inneren Auge ab. Als hätten wir unseren Kopf in einen Kinosaal verwandelt und würden einen Film anschauen.
Das Erzählen wird oft als Gegensatz zum Zeigen gesehen. Der englische Lehrsatz dazu lautet: „Show, don’t tell“ – also: Zeig es mir, erzähl es nicht. Dabei kann das Erzählen ein ebenso kunstvolles Spannungsmittel für die Geschichte sein wie das Zeigen. Es entspricht nur nicht mehr den heutigen Lesegewohnheiten, die immer mehr zu Sehgewohnheiten geworden sind.

Was ist der Unterschied zwischen dem Zeigen und dem Erzählen? Erzählen hat immer etwas Vermitteltes. Jemand erzählt mir etwas, und dieser jemand ist mit seiner Erzählstimme in der Geschichte präsent. Er formt die Geschichte. Er kann z. B. das Erzähltempo drosseln oder beschleunigen. In der Regel bedeutet eine ausgeprägte Erzählstimme auch eine Distanz zum Geschehen. Es ist die Ironie in der Erzählstimme von Thomas Mann, die ihn zum herausragenden Erzähler macht. Aber diese Ironie entfernt uns auch von der Handlung, weil sie sich zwischen das Geschehen und den Leser schiebt. Und damit entfernt sie uns auch von der Bilderflut, die das Zeigen der Handlung im Leser auslöst und an Kino und Fernsehen erinnert.
Zugegeben – es gibt auch Kinofilme, die eine Erzählstimme haben. Diese Filme nennen wir dann literarisch. Manche glücken, manche nicht. In der Regel wird uns im Film die Geschichte aber unmittelbar gezeigt. Kein Erzähler steht zwischen uns und der Kinoleinwand – oder dem Fernsehbildschirm. Wir versinken im Geschehen und in den Figuren. Und alles (der Schnitt, der Ton, die Regie usw.) ist darauf angelegt, dass wir unsere Umgebung vergessen und im fiktionalen Traum versinken. Um diesen Prozess in der Literatur nachvollziehen zu können, greifen wir also auf das Zeigen zurück. Und auf das Szenische, das mit dem Zeigen in enger Verbindung steht.

Den gesamten Artikel lesen Sie in der Ausgabe 2-2014 von TextArt.

 

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