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TextArt 04/2014

Leseprobe:

Verborgene Inspiration

Über die Kreativität der Träume

Von: Rüdiger Heins

Ob Sie gut träumen oder schlecht, eines ist gewiss: Träume sind mitnichten Schäume, denn sie haben Substanz. Als Ausdruck des Unbewussten erwecken sie Bilder und beschreiben Vorgänge, die sich in Worte fassen und literarisieren lassen. Wie Sie das Traumpotenzial zur Anregung für Ihr Schreiben nutzen, zeigt Ihnen Rüdiger Heins im folgenden Beitrag.

Träume werden Worte

Ich träumte von einem Sternenhimmel, Mutter. Die Sterne fielen auf mich herab, Mutter. Sie sahen aus wie ein Abbild Anus. Als ich das Abbild Anus aufheben wollte, Mutter, war es so schwer, dass ich es nicht aufheben konnte. Da wollte ich dieses seltsame Gebilde abschütteln. Doch es blieb an mir haften, Mutter. Das Volk von Uruk versammelte sich um dieses Wesen. Die Menschen küssten ihm die Füße, und auch ich fiel nieder, küsste ihm die Füße, Mutter, und ich war voll der Liebe. Ich brachte dieses Wesen zu dir und du, Mutter, stelltest es mir gleich. (Der Traum des Königs Gilgamesch: Auszug aus dem Gilgamesch-Epos)
Das Gilgamesch-Epos zählt zu den ältesten Epen der Menschheitsgeschichte. Es handelt von Themen, die uns Menschen auch heute noch bewegen: Freundschaft, Liebe, Macht und dem Traum von der Unsterblichkeit. Das Epos, ursprünglich in akkadischer Sprache auf zwölf Tontafeln in Keilschrift geschrieben, wurde im vergangenen Jahrhundert in den Ruinen des Nabu-Tempels in Ninive wiederentdeckt. In diesem fast 5000 Jahre alten Epos wird zum ersten Mal ein Traum schriftlich fixiert. Gilgamesch, der König von Uruk, erzählt diesen Traum seiner Mutter und diese deutet ihn.
Träume und deren literarische Umsetzung haben schon zu Beginn des Erzählens miteinander korrespondiert. Was wären Mythen ohne Träume? Von dem griechischen Gott Asklepios ist ein Kult überliefert, bei dem die Träume als Heilmittel verwendet wurden. Über mehrere Jahrhunderte werden Träume in kultischen Handlungen eingesetzt, um der Heilkraft zu nutzen. Im Asklepioskult gibt es eine Weisheit, die sagt: „Zuerst kommt das Wort, dann die Pflanze und zuletzt das Messer“.

Das Wort ist ein Instrument der Heilung. Diese Erkenntnis hat auch noch im 21. Jahrhundert ihre Berechtigung. In einer Zeit zunehmender Virtualität, in der die Kommunikation von Mensch zu Mensch immer mehr an den Rand gedrängt wird, gewinnt das „gute Wort“ im Miteinander immer mehr an Bedeutung.

Natürlich könnten wir sagen, Träume können auch gemalt, musiziert, in Stein gehauen oder als Objektkunst dargestellt werden. Ungeachtet dessen ist es ein urmenschliches Bedürfnis, zunächst die Träume zu verbalisieren. Etwa mitten in der Nacht, wenn wir schweißgebadet aus einem Albtraum erwachen, dann haben wir das dringende Bedürfnis, diesen Traum zu erzählen. Erzählen ist eine Urform menschlichen Zusammenlebens und Erzählen die Vorstufe des Schreibens. In diesem Zusammenhang erklärt sich die Metapher: „Ich schreibe es mir von der Seele“. Von der Seele schreiben bedeutet auch, dass wir tief in unser Unbewusstes eintreten, um dort nach Erinnerungen zu forschen, die längst verschollen schienen. Diese Erinnerungsarbeit gleicht auch einer Erlösung von verkrusteten Verletzungen. Träume, die wir schreibend artikulieren, helfen uns dabei, alte Wunden verheilen zu lassen. Nicht nur bei Asklepios vor mehr als 2000 Jahren hat die Beschäftigung mit unseren Träumen eine tragende Funktion. Nein, auch im 21. Jahrhundert sind Träume die Schlüssel zum Unbewussten.

Den gesamten Artikel lesen Sie in TexArt 4-2014.

 

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